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Wie es weitergeht. Oder: Das Leben ist ein Tassenschrank



Der eine oder andere Leser wird sicher neugierig sein, wie es mit der Geschichte von Blumenrock-Prinzessin Fran und ihrem Prinzen, der sich als Frosch outete, weiterging. Wird Prinzessin Fran nun am Boden zerstört ihr Leben als leidgeprüfte, alleinerziehende Mutter weiterführen? Wird es einen ordentlichen Rosenkrieg geben? Oder vielleicht sogar ein Happy End, wie es sich für ein ordentliches Märchen gehört? Ist ein Blog nicht eigentlich eine moderne Märchenstunde?

Ich kann Euch im Moment nur so viel sagen: Es geht mir gut und ich habe herausgefunden, dass das Leben nichts weiter als ein ordinärer Tassenschrank ist. Und ja, ich habe noch alle Tassen im Schrank. Wobei - das ist auch gelogen. Alle sind nicht mehr da. Einige habe ich inzwischen beherzt rausgeworfen.

Habt ihr auch einen Tassenschrank? Dieses Schrankfach in der Küche, in der alle Kaffeebecher aufbewahrt werden, die man normalerweise auf Instagram dekorativ mit einem Morgengruß und einem ordentlichen Schuss aufgeschäumter Milch samt Kakaoherz zeigt? Diese Schränke haben viel mit dem Leben gemeinsam. Am Anfang sind sie penibel aufgeräumt und es sind nur Lieblingstassen drin. Und dann bekommt man die Tasse von Tante Erna geschenkt. Die ist nicht so wirklich schön, aber immerhin von Tante Erna. Also kommt sie nach ganz hinten. Dann findet man eine wunderhübsche Tasse, die man kauft und natürlich ganz nach vor stellt. Die löst dann die bisherige Lieblingstasse ab. Die nächste Tasse bekommt man beim Wichteln geschenkt. Die übernächste ist ein geliebtes Erbstück. Im Laufe der Jahre wird aus dem penibel aufgeräumten Tassenschrank ein wildes Sammelsurium von geliebten und weniger geliebten Tassen, die anfangen, sich zu stapeln. Die ehemalige Lieblingstasse ist aus Versehen ganz nach hintengerutscht und man vergisst sie. Die Tasse von Tante Erna hat sich nach vor gemogelt und weil man morgens immer so wenig Zeit hat, zieht man sie einfach aus dem Schrank und benutzt sie halt. Den Kaffee stört das nicht. Um den Schrank mal gründlich aufzuräumen, hat man keine Zeit und ehrlich gesagt auch keine Lust. Funktioniert doch! Und dann kommt noch eine Tasse dazu und die passt nicht mehr. Man versucht, sie irgendwie noch in den Schrank zu stopfen und dabei kommen einem gleich drei andere Tassen entgegen und landen in tausend Stücken auf dem Küchenfußboden.

Tja, dann kann man das Ding notdürftig aufräumen und genau so weitermachen wie bisher. Das funktioniert, ist aber Blödsinn. Also schiebt man mal den Alltag beiseite und nimmt alle Tassen aus dem Schrank. Da stehen sie nun. Viel zu viele. Ungeliebte. Angestoßene. Tassen, die man eigentlich nur behalten hat, weil sie mal ein Geschenk waren. Eines, das man nie mochte. Aber immerhin ein Geschenk. Und da ist sie endlich wieder, die Lieblingstasse!

Wenn alle Tassen auf der Arbeitsfläche stehen, fängt die Arbeit dummerweise erst an. Zuerst wird der Schrank ausgewischt. Und dann nimmt man jede Tasse in die Hand, dreht und wendet sie. Und überlegt, wie diese Tasse eigentlich in den Schrank geraten ist und ob sie da tatsächlich hingehört. Liegt mir etwas an dieser Tasse? Warum steht sie da eigentlich noch? Soll sie wieder zurück in den Schrank oder sollte man sich nicht besser von ihr trennen? Ist eine angeschlagene Tasse, die man immer leicht nach Nordost drehen muss, wenn man daraus trinken möchte, es wert, aufbewahrt zu werden? Und muss man das Wichtelgeschenk der Kollegin, die längst weitergezogen ist, wirklich hüten? Warum sind da eigentlich so viele Tassen, die man nie wollte, die der Alltag aber im Schrank abgestellt und vergessen hat? Manchmal ist es schwer, sich von einer Tasse zu trennen, aus welchen Gründen auch immer. Weil sie teuer war. Oder weil die Kinder sie selbst bemalt haben. Oder weil Tante Erna bestimmt von ihrer Wolke zuguckt und Blitze schleudert, wenn man ihre Tasse entsorgt.

Egal. Inzwischen hat man den Punkt erreicht, an dem man einfach nur noch die Tassen behalten möchte, die man wirklich liebt und die zum Leben passen, das man führt. Eine unnnötige Tasse nach der anderen findet den Weg in den bereitgestellten Karton und darf künftig anderwo wohnen. Die Tassen, die einem wirklich am Herzen liegen, wandern wieder in den Schrank. Und da ist plötzlich wieder Luft zum Atmen. Da ist kein Alltags-Chaos mehr, sondern Klarheit und Ordnung. Ein bisschen nagen die vielen aussortierten Tassen im Karton vielleicht und man fragt sich, ob das jetzt tatsächlich eine gute Entscheidung war. Das muss man aushalten können.

Ich bin gerade irgendwo mittendrin. Eine ganze Menge Tassen sind schon in den Karton gewandert und mit ihnen eine ganze Menge Dinge, die der Alltag in mein Leben gebracht hat und die da nur aus Bequemlichkeit blieben. Die ich aber eigentlich weder dort haben möchte noch dort brauche. Die eine oder andere Tasse nagt an mir. Soll die wirklich weg? Ja, soll sie. Sie ist nämlich eigentlich nichts als ein Stück Steingut oder Porzellan, das mir um den Hals hängt und das ich eigentlich loswerden möchte. Mit jeder Tasse, die im Karton landet, fühle ich mich ein Stückchen befreit. Und wer mir in nächster Zukunft eine Tasse schenkt, der bekommt sie gleich an den Kopf geworfen ;-)


Bis das Leben wieder eingeräumt ist, wird es noch dauern. Fleißige Helferlein aus dem Märchen sind nicht aufgetaucht und ich hätte sie auch weggeschickt. Denn den Tassenschrank meines Lebens muss ich ganz allein aufräumen.

Liebe Grüße
Fran


Kommentare

  1. Ja wir haben diesen Tassenschrank auch. Irgendwo ist ein Foto auf dem Blog. Aber darum gehts ja nicht... ich wünsch Dir viel Kraft, okay die hast Du, und verlier nur nicht Deinen Humor. Ich habe eine Kollegin, die hat auch gebau das mitgemacht, vielleicht einen Ticken schlimner, da sie Hausfrau war und mit nix dastand, da sie ausziehen musste. Von null anfing. Aber wenn sie lacht und das tut sie oft, muss man unweigerlich mutlachen, so ansteckend ist das. Mittlerweile gehts ihr prima. Besser als zuvor.
    Deine verbleibenden Tassen sehen klasse aus ;)
    Liebe Grüße Tina

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  2. Nimmt das Sozialkaufhaus auch abgelegte Freunde zusammen mit den Tassen? Manchmal weiß man ja auch nicht so recht wohin mit denen ...

    Hey, im Rahmen der Möglichkeiten klingt die Lage - wie sagt ein Freund von mir immer - ernst, aber nicht hoffnungslos.

    Tassen? Alle 10 Jahre ausmüllen. Einfach ist und bleibt ordentlich, in einem darf das Übrige sein. Beruhigt, dass auch Frau Minimalistin so ein Fach hat?

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  3. "Mama, Mama, die Tante Fran hat nicht mehr alle Tassen im Schrank!"
    "Ich weiß, mein Kind. Sei leise. Die war schon immer so..."

    ;)

    Frohes Weiter-Entrümpeln und schönes Wochenende wünsch ich!

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  4. Oh das Tassenproblem hatte ich auch... viele Tassen, die nicht in mein neues anders Leben passten. Erst einige aussortieren, später neue dazu kaufen, aber meine wirkliche Lieblingstasse, die durfte mit auf die Arbeit und ist meine allerliebste Teetasse dort und zaubert mir schon morgens ein freudiges Gesicht. Perfekt!
    Schönes Wochenende und liebe Grüße von jacky

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  5. Es wird dich vermutlich nicht besonders wundern , aber ich habe genau 2 bunte Tassen im Schrank die dort Ersatzweise stehen wenn meine Tasse auf der Arbeit einen Unfall erleidet . Ansonsten besitze ich nur 2 schwarze mit Gravur und weiße . 6 weitere schwarze folgen . Die Kaffeebecher für den Advent tausche ich für 3 Monate in den nächsten Tagen aus . Alle anderen bunten Tassen die ich geschenkt bekomme , habe ich weiter verschenkt und einer Taxi-Zentrale vermacht . Die haben sich mega gefreut . Ist aber auch schon sehr lange her . Ich mag Struktur ohne Schnörkel . Was ich nicht benütze muss mir nicht auch noch den wenigen Platz rauben ;)
    LG heidi

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  6. Ein schöner Vergleich mit den Tassen. Aber auch die echten Tassen habe ich vor kurzem sortiert, genau wie Du beschrieben hast. Und gestern sind auch noch zwei runter gefallen. C'est la vie, wie mit den Tassen, so auch im Leben.

    Vergiss aber die Trauer nicht vor lauter stark sein.

    Liebe Grüße,
    Moppi

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  7. Sortieren hilft in jeder Hinsicht - nicht nur die Tassen. Und das, was übrig bleibt, dann ins rechte Licht rücken :)

    Liebe Grüße Sabine

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  8. Das mit diesen Haferlfächern ist ein Phänomen. Da braucht man manchmal eine große Menge in kurzer Zeit. Das Fach sollte also gut gefüllt sein.

    Irgendwann warens dann aber sehr viele. Zu viele. Und ich habe mich ebenfalls schweren Herzens von nem ganzen Schwung getrennt.

    Viel Erfolg und gute Gefühle beim Ausmisten weiterhin.
    LG Sunny

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  9. Ich habe kein Tassensammelsorum, meine Kinder leider schon. Und die stehen nun mal im allgemeinen Tassenschrank. Zumindest bis die Damen ausziehen und ihren eigenen Tassenschrank befüllen.
    Ausmisten darf ich auch nix, aber gut, irgendwie geht die Tür noch zu. Wobei ich eigentlich ein Freund des Ausmistens bin. Und ich stimme Sabine zu: sortieren und ins rechte Licht rücken ist eine gut Idee.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. Super Text, der zum Nachdenken anregt. Ich nehme an, jeder hat einen oder mehrere Tassenschränke in seinem Leben und das Aussortieren und Ausmisten bringt nach der Mühe eine große Erleichterung, egal um es sich um den Tassenschrank in der Küche, im Bekanntenkreis, im Beruf oder bei den sonstigen Aufgaben handelt. Wir sollten uns von dem Trennen, was uns nicht gut tut und den Rest gut behandeln.
    Vor allem deine Tasse mit der Krone ist mir ins Auge gestochen: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen“ – das setzt du zurzeit richtig um. Ich wünsche dir weiterhin viel Energie bei deinen Aufräumarbeiten.
    Alles Liebe und ein schönes Adventwochenende

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  11. Manchmal kann weniger mehr sein im Leben. Manchmal kann es sein, dass man vor lauter Bäumen den Wald übersieht, vor lauter überflüssigem Krusch die echten Schätze nicht mehr erkennt und vor lauter Sachen, die Andere einem vor die Nase setzen nicht mehr fühlt, was man selbst eigentlich will. Ich kann nur bestätigen dass ein ausgemistetes Leben so viel leichter und befriedigender ist. Und ich finde, man lernt durch das gründliche Entrümpeln auch einiges über sich selbst. Übrigens: Vielleicht haben Tante Erna und die Wichtel-Kollegin die Tassen damals auch schon hergeschenkt, weil sie selbst dafür Verwendung hatte ;-). Und dann musst Du sie eigentlich wirklich nicht behalten, wenn sie Dich nur nerven.
    Ich wünsche Dir noch einen schönes Wochenende!
    Hasi

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  12. Also ich habe mich schon gewundert. Aber jetzt issss klar...alles Liebe und Gute! Ja und genau so einen Tassenschrank habe ich auch. Allerdings ist bei uns im Viertel inzwischen so, dass die Leute ihren Kleinkram rausstellen mit einem Zettel dran: Zum Mitnehmen. So habe ich kürzlich einen alten Teller adoptiert. Von Seltmann Weiden. *freu* Ich sage dann mal im besten Sinne des Wortes: Auf baldiges Wiederlesen! LG Sabina

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  13. Das hast Du einfach schön geschrieben.
    So eine Übersicht über alle Tassen, die man im Schrank hat, braucht es in solchen Zeiten. Und Ausmisten auch. Und einigen Nachtrauern auch...
    Und den leeren Platz wirken lassen auch...
    Bis er sich wieder füllt - Tassenschränke machen das so.
    GLG Sieglinde

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  14. Bei mir kommen die aussortierten in den Tassenschrank in der Arbeit (da trinken wir unendlich viel Tee und Kaffee...). So bleibt mein Schrank (ein offenes Regal! Deshalb muss Ordnung sein...) immer ordentlich, während in der Arbeit das Chaos lebt... auch praktisch. "Erinnerungsstücke" hingegen hab ich auch schon gnadenlos weggeworfen. Das muss auch mal sein.
    Liebe Grüße, Maren

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  15. Moin Fran,
    Deine Geschichte zu den Tassen gefällt mir, das ist echt ein sehr schöner Vergleich. Und eines Tages...wirst Du sehen...neue Tasse, neues Glück!

    Meine Geschenke-Tassen schleppe ich übrigens immer mit ins Büro. Da muss ich sie nicht selber runterschmeißen, die Herren erledigen das regelmäßig zuverlässig.

    Überhaupt bin ich bei Geschenken sehr rigoros. Seit ich einen Kamin habe, trenne mich sehr beherzt von ungeliebten Geschenken aus Holz. Und für die aus Plaste gibt es die gelbe Tonne.

    Meine Tante hat noch von mir als Kind angemalte Küchenbrettchen über der Spüle hängen - das wiederum rührt mich immer sehr, weil sie echt seltsam aussehen.

    Liebe Grüße
    Bärbel



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  16. Hm - ich war sicher, ich hätte schon einen Kommentar abgegeben - aber wo ist der hin?!?

    Da ich nicht mehr weiß, was ich geschrieben hatte, nur nochmal ganz kurz:
    Wie schon gesagt: Ich bin echt froh, dass es Dir soweit gut geht!

    Deinen Vergleich zum Tassenschrank verstehe ich zwar, aber ehrlich gesagt nicht in Gänze. Geht's jetzt plötzlich ums ganze Leben und nicht "nur" um den Frosch? Räumst Du gerade ALLES auf, wenn Du schon mal dabei bist?

    LG
    Gunda

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